Die Illusion von Traurigkeit

Einmal kam ich in einer dieser Metropolen dieser Welt – ich bin mir ziemlich sicher, dass es New York war, denn es wurde dort vornehmlich amerikanisches Englisch gesprochen und das Klima war angenehm mild, also war es wahrscheinlich eher ein Tag im Frühherbst, denn es lagen noch keine toten Blätter auf den Straßen; in der Nähe floss gemächlich ein größerer Fluss, dessen sanfte Wogen in der tief stehenden Nachmittagssonne glitzerten und der fast ausschließlich von Vehikeln befahren wurde, die man staatlichen Betrieben zuordnen musste (wie Fähren u.ä.) – mit diesem netten älteren Herren ins Gespräch. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, wie es genau zu unserer Unterhaltung kam, aber ich weiß noch, dass er leicht übergewichtig war, blaue Jeans trug unterhalb eines dunkelblau-schwarz karierten Hemdes mit brauner Wildlederweste darüber, weiße Turnschuhe mit schwarzen Seitenstreifen, auf seinem kurzem aber festem weißen Haar thronte eine schwarze Baseballkappe mit dem aufgenähten Logo seiner Lieblingsmannschaft. Ja, ich bin mir wirklich sehr sicher, dass es New York war. In seinem leicht birnenförmigen Gesicht trug er einen recht ansehnlichen grauen Schnäuzer, seine Augen waren rund und klein aber leuchteten fröhlich und äußerst wach. Er war mal irgendsoetwas gewesen wie Feuerwehrmann oder möglicherweise auch Polizist; Witwer war er auch, schon sehr lange, und seine Kinder – inzwischen waren sie selbst nicht mehr ganz jung – waren schon längst in weit entfernte aber auch große Städte gezogen und er konnte sie aus finanziellen Gründen nicht oft besuchen. Er hatte nicht viele Freunde, aber er konnte sich auf jene, die er hatte, wirklich immer verlassen. Obwohl keine Notwendigkeit dazu bestand, war er dennoch oft und gern allein, einfach, um sich nichts Anderem verpflichtet fühlen zu müssen als sich intensiv mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Er löste gerne Rätsel, spielte Schach gegen den Computer und war an philosophischen Themen interessiert, auch an grundsätzlichen, existenziellen Fragen, was mich sehr verwunderte, denn meine Erfahrung sagte mir, dass Menschen seines doch fortgeschrittenen Alters solche Fragen heutzutage lieber meiden. Nichtsdestoweniger führten wir darüber eine angeregte Unterhaltung, bei der er aber den weitaus größten Teil der Redezeit beanspruchte, während ich nur zuhörte, ab und an ein beläufiges Geräusch der Zustimmung von mir gab oder einfach nur sanft nickte. Als er seine Ausführungen beendet hatte, blieb er stehen (wir waren davor die ganze Zeit langsam über den Gehweg gegangen), wandte sich mir zu und signalisierte durch seine Mimik, dass er nun extrem interessiert daran war zu hören, was ich zu all dem zu sagen hatte. Er strahlte dabei solch eine euphorische Neugier aus, dass ich ganz gebannt war von seiner Person; ich nahm eigentlich nur noch ihn wahr, all das ganze andere – der Fluss, die Bäume, der Straßenverkehr – verschwand nach und nach aus dem Fokus meiner Aufmerksamkeit, tauchte ein in einen diffusen Nebel, der von mehr oder weniger großen dezent bunten Schlieren durchzogen war. „Wissen Sie, … “, sagte ich zu ihm, sprach in sein Gesicht, wobei ich allerdings mehr auf seine Stirn sah als in seine Augen, und fuhr fort, nachdem ich einen Zug an meiner Zigarette getan hatte (er selbst hatte vor einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen mit dem Rauchen aufgehört) : “ … wissen Sie, es ist alles nur ein Traum!“. Er schien ob dieser Antwort leicht verwirrt, fast ein wenig erschrocken, seine Pupillen hatten sich schlagartig erweitert und sein bisher so aufrichtiges Lächeln geriet in eine leichte Querlage. Als ob es dafür notwendig wäre, das alles wahr zu nehmen, hatte sich der bunte Schlierennebel inzwischen verdunkelt; das Gesicht meines Gegenübers leuchtete schon wie als würde es von Flutlicht angestrahlt. “Ein Traum?“ er hielt kurz inne. Dann sagte er: „Naja, die Existenz der großen Hypnose durch das System lässt sich sicher von keinem halbwegs intelligenten Mensch bestreiten …. “. Ich unterbrach ihn: “Das meine ich nicht. Ich meine damit, dass es einfach ein Traum ist im wahrsten Sinne des Wortes!“ Seine Verunsicherung war inzwischen echter Bestürzung gewichen, seine Augen hatten ihren Glanz verloren, seine Haut leuchtete nun nicht mehr, sondern wirkte eher fahl. “Das kann nicht sein, das darf nicht sein.“ Ich lächelte ihn an, während er an mir vorbei zu einem unbestimmten Horizont hin zu starren schien. “Es ist aber dennoch so.“ Ich lächelte ihn weiter an, zwar ehrlich, aber vielleicht ein wenig müde. Er hob seine ebenfalls bleich wirkende Hand an seine inzwischen kalkweiße Stirn, als wolle er sich damit den Schweiß wegwischen. Er starrte immer noch an mir vorbei in die Ferne. “Nein, nein. Kann nich‘ sein, kann nich‘ … sein.“ Seltsamerweise hatte er vor dem nunmehr pechschwarzen Hintergrund deutlich an Kontrast verloren, so als würde er selbst immer dunkler, nein, eher so, als würde er langsam durchsichtig werden. Er wandte mir das Gesicht ein letztes Mal zu, und blickte mir noch einmal direkt in die Augen, die Hand immer noch an der Stirn, bevor er sich endgültig auflöste, mit einem unendlich traurigen Ausdruck im Gesicht, so, als hätte er ganz zu letzt dann doch noch begriffen. Ich schloß meine Augen, denn in dem Moment gab es für mich sowieso nichts mehr zu sehen. Ich wollte kurz auf mich wirken lassen, was ich da erlebt hatte. Als ich meine Lider nach ungefähr einer halben Minute wieder vorsichtig öffnete, fühlte ich den Stoff des Bettlakens unter meiner linken Handfläche, während ich langsam anfing, die Konturen meiner Schlafzimmermöblierung visuell wahrzunehmen. Ich tastete nach meinem Mobiltelefon, um die Uhrzeit in Erfahrung zu bringen und stellte fest, dass gerade mal eine Stunde vergangen war, seitdem ich mich zu einem Nachmittagschlaf hingelegt hatte. Ich fand das seltsam, denn irgendwann, irgendwo, wahrscheinlich wird es im Fernsehen gewesen sein, hatte ich mal gehört, dass man mindestens 2 Stunden Schlaf benötigt, um in eine Traumphase einzutreten. Jetzt jedenfalls, nachdem ich diesen Text niedergeschrieben habe, denke ich, behaupten zu können, dass das noch seeehr interessant werden könnte, mein Leben, an diesem Freitagabend, an diesem so wahnsinnig warmen Frühlingstag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: